Über den Mut, man selbst zu sein

Ich habe 2005 mein Abitur an der Duborg Skolen gemacht. Der Beitrag ist im Dezember 2016 in der Schulzeitung erschienen.

Es ist toll, ein Teil der Duborg-Gemeinschaft zu sein. Man findet Freunde, erlebt viele spannende Dinge, an die man sich auch Jahre später noch gern erinnert. Man findet neue Freunde und verliebt sich. Das habe ich erlebt. Es war toll, Schüler auf Duborg zu sein. Was aber, wenn man plötzlich entdeckt, dass man anders ist?

Mit 15 war ich im 9. Jahrgang. Damals wurde ich unbeliebt in meiner Klasse. Ich habe Mobbingerfahrungen mit Klassenkameraden gemacht, war aber auch Teil einer Gruppe, die selbst andere gemobbt hat.

Ich wollte ein Teil der Klassengemeinschaft sein. Als ich merkte, dass einige andere Schüler mich nicht mochten, reagierte ich aggressiv. Ich begann zu verstehen, dass ich anders war als andere in meinem Alter. Die Jungs in der Klasse interessierten sich dafür, mit welchen Mädchen sie am liebsten zusammen sein wollten. Ich interessierte mich für einige Jungs aus der Parallelklasse. Allerdings traute ich mich nicht, weiter darüber nachzudenken.

Mit Beginn des 11. Jahrgangs kam ich in eine neue Klasse. Schnell fand ich neue Freunde. Und ich wurde beliebter.

Aber obwohl mir zu dem Zeitpunkt klar war, dass ich mindestens bisexuell bin, habe ich mich niemandem anvertraut. Bis heute glaube ich nicht, dass meine Klassenkameraden ein echtes Problem mit Homosexualität hatten oder haben. Das Risiko, wieder gemobbt zu werden, war aber zu groß. Vielleicht waren es abfällige Bemerkungen über Homosexuelle, vielleicht war es die Situation, in der es am wichtigsten war, eine hübsche Freundin zu haben.

Heute weiß ich, dass 75% aller jungen homosexuellen Menschen das gleiche fühlen.

„Schwuchtel“ ist eins der meist benutzten Schimpfwörter auf unseren Schulhöfen. Es sind oft die eher weiblichen Typen, die so bezeichnet werden. Es ist herablassend gemeint. Wenn man damit aufwächst, hat man keine Lust, homosexuell zu sein. Man traut sich nicht, man selbst zu sein. Das Risiko, negativ mit seiner Sexualität konfrontiert zu werden, ist zu groß.

Aber auch wenn es sich so anfühlt, als wäre man allein mit seinen Gefühlen, ist es nicht so. Vielen geht es genauso.

Ungefähr zum gleichen Zeitpunkt begann ich, mich für Politik zu interessieren. Meine politische Heimat fand ich in der Grünen Jugendorganisation, der Grünen Jugend. Ich ging nicht nur zu politischen Treffen in Flensburg, sondern verbrachte auch einen Teil meiner Wochenenden damit, nach Berlin, Köln oder in andere deutsche Städten zu reisen und über Politik zu diskutieren. Natürlich ging es nicht ausschließlich um Politik. Nein, ich fand hier auch eine Möglichkeit, ich selbst zu sein. Hier waren viele andere in meinem Alter, die homo- oder bisexuell waren. Und niemand wurde deswegen diskriminiert.

Mein politisches Engagemant wurde zu einem Freiraum, der mir erlaubte, ich selbst zu sein. Während ich zuhause fürchten musste, zum Außenseiter zu werden, wenn jemand herausfand, dass ich mich zu Männern hingezogen fühlte, musste ich in der Grünen Jugend nicht über meine Identität nachdenken. Ich konnte ein Teil der Gemeinschaft auf Duborg sein, während ich gleichzeitig in der GJ ich selbst sein konnte. Mein politisches Engagement wurde zum Freiraum für mein Leben.

Das ging so lange gut, bis ich mich für einen Typen aus meinem Physikkurs interessierte, den viele für homosexuell hielten. Ich traute mich nicht richtig, ihn anzusprechen, weil ich Angst vor der Reaktion meiner Klassenkameraden hatte, falls sie es herausfanden. Zu dieser Zeit ging es mir in der Schule nicht gut. Ich hatte Bauchschmerzen, war unkonzentriert. Ich musste eine Rolle spielen, die ich nicht spielen wollte. Es endete damit, dass ich IHN auf einer Klassenfahrt und nach einigen Bieren einfach küsste. Es war sehr deutlich, dass er nicht interessiert war. Allerdings war er so nachsichtig, es niemandem zu erzählen.

Erst viel später, während meiner Studienzeit in Kopenhagen, wurde ich offener für meine Sexualität. Ich fand heraus, dass einige meiner Schulfreunde sich schon gedacht hatten, dass ich homosexuell bin. Ich knutschte nie mit Mädchen, erzählte wenig von meinen Touren in andere Städte. Hätte einer meiner Freunde damals gefragt oder wäre Homosexualität ein Teil des Alltags auf Duborg gewesen, hätte ich es vielleicht einfacher gehabt.

Falls es dir ähnlich geht wie mir damals, ist es wichtig, mit anderen in Kontakt zu kommen, denen es auch so geht. Auch wenn das schwer sein kann, über kurz oder lang ist es am besten, man selbst zu sein.

Nicht die, die lieben, haben ein Problem. Das Problem sind diejenigen, die die Liebenden hassen.

Falls du vielleicht einen Freund oder eine Freundin hast, der oder die homosexuell sein könnte, sprich mit ihm/ihr. Es ist wichtig, eine tolerante Umgebung zu schaffen, in der Menschen sich respektieren und in der man sein eigenes Leben leben kann.

Für weitere Informationen:

http://lgbtungdom.dk

http://haki-sh.de/de/angebote.html

http://www.profamilia.de/angebote-vor-ort/schleswig-holstein/flensburg.html

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