Grußwort als Landtagsvizepräsident anlässlich der Veranstaltung „Behinderte Liebe 2.0“ des Landesbeauftragten für Menschen mit Behinderung und der PETZE

06.10.2017 Es gilt das gesprochene Wort

Sehr geehrter Herr Landesbeauftragter Hase,

sehr geehrte Frau Schele, liebe Ursula,

meine sehr geehrten Damen und Herren,

ich begrüße Sie herzlich hier im Schleswig-Holsteinischen Landtag zur Fachtagung „Behinderte Liebe 2.0“.

Der Name deutet es an: vor beinahe 20 Jahren gab es bereits eine Tagung „1.0“ .

Auch Heute ist das Thema für unsere Gesellschaft von hoher Bedeutung.

Die sexuelle Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderung ist ein Thema, das – leider – mit viel falscher Scham, oft mit Unkenntnis und auch mit Unverständnis behaftet ist.

Wir freuen uns, dass Sie als Ort für den Austausch unser Landesparlament gewählt haben.

Wo wenn nicht hier, sollten gesellschaftlich relevante Debatten geführt werden um mehr Selbstbestimmung für alle zu erreichen?

Wo wenn nicht hier sollten konkrete Handlungsempfehlungen für Selbstbestimmung entwickelt werden?

Die Frage nach selbstbestimmter Sexualität von Menschen mit Behinderung kann nicht von der entscheidenden Frage nach der Gleichstellung von Menschen mit Behinderung getrennt werden.

Wer diese Gleichstellung will – und das tun wir -, der darf diesen wichtigen Bereich nicht ausklammern.

Die sexuelle Selbstbestimmung umfasst zwei grundsätzlich verschiedene Zugangsweisen: eine Positive und eine Negative.

Unter der ersten verstehe ich alle Aspekte, die sich mit der Frage beschäftigen, wie unsere Gesellschaft im Allgemeinen und Familienangehörige sowie Einrichtungen, Wohngruppen und Wohnheime Menschen mit Behinderung dabei unterstützen können, ihr Sexualleben frei und selbstbestimmt zu gestalten und zu leben.

Der zweite Zugang beschäftigt sich mit den Fragen nach den Rechten und vor allem nach dem Schutz von Menschen mit Behinderung vor sexuellen Übergriffen und vor sexueller Gewalt.

Beides, sowohl den Schutz vor Gewalt, als auch die Garantie eines selbstbestimmten Sexuallebens sind untrennbar mit dem Begriff des „Respekts“ verbunden: Mit dem Respekt der Gesellschaft für die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung, und mit dem Respekt vor dem unveräußerlichen Recht der Unversehrtheit, der Würde und der Selbstbestimmung.

In meiner Zeit als Zivildienstleistender in einer Wohneinrichtung für Menschen mit Behinderungen ist mir sehr bewusst geworden, wie wichtig ein selbstbestimmter Umgang mit Sexualität auch für Menschen mit Behinderungen ist.

Sei es weil sich BewohnerInnen ineinander verliebt haben, Eifersucht oder auch sexuelle Belästigung auf der einen oder anderen Weise Thema wurde.

Die Beeinträchtigung der sexuellen Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderung hat unterschiedliche Formen.

Es gibt zweifellos die direkte Gewalt, den Missbrauch von Menschen.

Es gibt aber auch Formen der Bevormundung, die – direkt oder indirekt – gerade Menschen mit geistigen Behinderungen ihr sexuelles Selbstbestimmungsrecht abspricht.

Hier bedarf es einer Aufklärungsarbeit, die offen in alle Richtungen geht: Sie muss die Menschen mit Behinderung ebenso ansprechen, wie deren Angehörige, sie muss sich an Einrichtungen, an Wohngruppen und Werkstätten richten.

Mittlerweile gibt es glücklicherweise viele kompetente Ansprechpartner und Anlaufstellen, die beratend und unterstützend weiterhelfen können.

Viele dieser unverzichtbaren Verbündeten der Menschen mit Behinderung sind heute hier und bringen sich in die Tagung ein:

Allen voran die PETZE, das Institut für Gewaltprävention, pro familia Schleswig-Holstein, die Lebenshilfe, die Sexualbegleitung Hamburg und – last but not least – natürlich der Landesbeauftragte für Menschen mit Behinderung.

Allen genannten Einrichtungen, dazu auch den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern vom St. Nicolaiheim, Frau Prof. Anja Henningsen von der CAU, der Wendo-Trainerin Renate Bergmann, Christine Czygan von mixed pickles und den Mitarbeiterinnen von Forio und dem Marie-Christian-Heim ein herzliches Dankeschön für Ihr Engagement!

Zwanzig Jahre nach der Tagung „Behinderte Liebe 1.0“ ist es heute an der Zeit, danach zu fragen, was bisher erreicht wurde. Dass noch viel zu tun ist, und das auch eine „Behinderte Liebe 3.0“ notwendig sein wird, das steht außer Frage.

Gerade in diesen Zeiten ist es wichtig für die Würde aller Menschen einzustehen.

Lassen Sie uns das gemeinsam tun.

Meine Damen und Herren,

das Programm verspricht eine mehr als interessante Tagung. Ich bin davon überzeugt, dass das, was hier und heute an Gedanken und Wissen ausgetauscht wird, was hier an Netzwerken geknüpft und an Anregungen mit in den Alltag genommen wird, zu nachhaltigen Veränderungen führen wird.

Ich wünsche Ihnen allen eine erfolgreiche Tagung und bin auf die Ergebnisse gespannt.

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit.

 

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